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Stadtmusik

Laut & leise

Von Miriam Suter und Gianni Keller

Der erste Monat des neuen Jahres ist schon wieder vorbei. Der Winter wollte sich immer noch nicht richtig zeigen und in den letzten Tagen schien es fast, als ob der Frühling bereits seine Stoffschuhe angezogen und sich auf den Weg Richtung Aarau gemacht hätte. Diese Zwischenzeiten eignen sich jeweils ganz gut, um auch musikalisch die Nase in neue Lüfte zu stecken. Diesen Monat bewegen sich unsere Tipps zwischen melancholisch-ruhig und psychedelisch-aufbrausend.

Flower-Power-Revival mit Sunflower Bean


Diese drei Twenty-Somethings aus Brooklyn machen ganz schön Krach: Jacob Faber, Julia Cumming und Nick Kivlen entstiegen letztes Jahr Brooklyns Dreampop-Blase. Jetzt erschien ihr erstes Album «Human Ceremony» – eingespielt in nur sieben Tagen. Der Sound des Trios schwankt energiegeladen zwischen der melancholischen Schwermütigkeit von The Cure und den Gitarrenabgründen von Led Zeppelin. Gerade dieses gekonnte Verweben von Retro-Sounds sorgt aber dafür, dass Sunflower Bean so erfrischend modern klingen. Alles fein garniert mit Cummings Stimme, die auch einer jungen Stevie Nicks gehören könnte. Singen und Bass-Spielen sind aber nicht die einzigen Talente der Frontfrau, auch als Model feiert sie Erfolge: Für die Saint Laurent Frühling-Sommer-Kollektion 2015 posierte Cummings vor der Linse von Hedi Slimane. Sozusagen ein vorgezogener Ritterschlag, Slimane kommen schliesslich nur ausgesprochene Rockstars vor die Linse.

Garage-Lärmiges mit The Come’N’Go


Dieses Album klingt, wie etwas vom Berner Underground-Label Voodoo Rhythm Records eben klingen muss: Schrummelig, lärmig und garniert mit etwas Bandraum-Attitüde was das Abmischen angeht. Aber beim neusten Wurf von Come’N’Go passt das alles hervorragend zusammen. Mal klingt «Tumbling Heights» wie Krautrock, mal wie angry-young-men-Garage. Die Songs machen auch verträumte Schwenker à la Velvet Underground, verlieren dabei aber nie den für die beiden Bieler typisch dreckigen 60ies-Treibstoff.

Sanfte Wucht von den Tindersticks


Das Cover der neusten Tindersticks-Platte führt einen in die Irre. Man glaubt fast, ein neues Indie-Band-Debut in den Händen zu halten. Doch schon beim ersten Song «Follow Me» wird klar, dass es sich bei diesem Album um anspruchsvollere Kost handelt. Die Platte wird mit einem an Ennio Moricone angelehnten Sound eröffnet, um danach in sphärischen, aber niemals kitschigen Balladen fortzufahren. Mit «Help Yourself» versucht die Gruppe um Stuart A. Staples sich sogar als Soul-Band und scheitert bewusst und erfolgreich mit gewohnt verzerrter Stimme und instrumentalen Dissonanzen.  Auch Kenner der Band finden somit neue Songs und andere Interpretationen, die dennoch dem typischen Stil der Band gerecht bleiben. Das Duett mit der US-amerikanisch mexikanischen Sängerin Lhasa de Sela «Hey Lucinda», lässt die Musikerin schmerzlich vermissen und fasst die melancholische Stimmung des Albums am besten zusammen. Man merkt den Tindersticks an, dass sie ihre Arbeit ernst nehmen und ihre Songs auch auf das Minimum heruntergebrochen immer noch eine unglaubliche Wucht haben. Die Sorgfalt ist auch bei der hervorragend gepressten Vinyl-Veröffentlichung hörbar.  Hinter dem unpassenden Cover-Artwork versteckt sich tatsächlich ein schwieriges, aber sehr gelungenes Album.

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Stadtmusik

Der Platten- und CD-Laden Dezibelle, seit 1998 an der Rathausgasse 18, präsentiert jeden Monat seine Musikauswahl für Aarau. Infos und Bestellungen: www.dezibelle.ch

Miriam Suter, 27, arbeitet als Online-Redaktorin für annabelle.ch und als freie Journalistin. Sie schreibt unter anderem regelmässig für die Musikzeitung «Loop».

Gianni Keller, 27, studiert Film und verbringt seine restliche Zeit mit Musikhören im Dezibelle.

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