Gastkommentar

Der Maienzug als Idylle?

Der Maienzug gibt zu Betrachtungen Anlass.

Von Stephan Müller

 

 

Ich sehe, der Zufall wollte es, dass ich schon 2023 und 2025 gleich am Sonntag nach dem Maienzug für die Kolumne dran war. 2023 schrieb ich eine Kolumne über den Maienzug und die Badenfahrt als Feste und verglich Aarau mit Baden. 2025 schrieb ich in der Kolumne: «Jetzt, wo eben der Maienzug bei schönstem Wetter die letzten Tage stattgefunden hat, wäre es auch eine Idee wert, ob nicht auch ein Fluss- und Aarefest in den Maienzug integriert werden könnte. Oder alternativ: Ein zusätzliches Fluss-, Aare- und Schiffsfest in Aarau alljährlich stattfinden könnte.»

Letztere Idee fände ich auch heute noch toll. Wieso hat der Fluss keine Funktion am Maienzug? Wieso gibt’s kein Fest am Fluss, wenn der Stadtname schon auf «Aue an der Aare» lautet, auf Aarau?

Dieses Jahr war das Wetter wieder wunderbar, Vorabend und Maienzug gingen im besten Sinne über die Bühne. Die Aargauer Zeitung zeigte sich tags darauf fast zu begeistert über den Kinderumzug: «Und man kann es kaum erwarten, dass es endlich losgeht mit der Parade durch die Stadt, die Kleinen Hand in Hand, allesamt zum Anbeissen herzig mit ihren weissen Röckli und Hemdchen. Und dann die Grösseren und Grossen, verlegen lächelnd, den Hut lüpfend und Hände schüttelnd, die einen mit Stolz, die anderen aus Pflichtgefühl.» Insbesondere die Kleinen, «die zum Anbeissen» seien: Dieser Ausdruck erscheint mir – mit Verlaub – doch etwas zu kannibalistisch denn karnevalistisch zu sein.

Zur Pflicht gehört natürlich auch die obligate Rede des Stadtpräsidenten zum Festanlass. Er ging auf den Konkurs des Alterszentrums Walthersburg ein, sprach über das bisherige demokratische Scheitern neuer Aarauer Oberschulzentren und rechtfertigte sich für das abrupte an die Wand Fahren der Kreisschule Aarau-Buchs. Hoffnungsvoll zeigte er sich aufgrund erster Vorentscheide für die möglicherweise anstehende Fusion Aarau-Unterentfelden. Er schloss den Rückblick auf das letzte halbe Jahr mit den Worten: «Das erste Halbjahr hatte es also so richtig in sich. Mein Credo, dass sich mit positiver Grundhaltung und der Bereitschaft zur Lösungsfindung alle Herausforderungen meistern lassen, wurde hin und wieder durchaus etwas strapaziert. Insgesamt hat sich aber doch bewährt, dass wir im Stadtrat mit dem Einwohnerrat und mit der Bevölkerung in engem Austausch stehen. Alle angesprochenen Bereiche haben heute zumindest eine positive Perspektive.» Später wies er in seiner Rede darauf hin, dass der FC Aarau zwar wieder nicht aufgestiegen sei, dieser aber eine eigentlich ausgezeichnete Saison gespielt hätte. Und die Handballer trotz schwieriger Saison nicht abgestiegen seien. Und wir für 2030 den Zuschlag als Kulturhauptstadt der Schweiz bekommen hätten. Damit machte er den Bogen zurück zum Maienzug: «Gerade der Zuschlag als ‹Kulturhauptstadt Schweiz 2030› zeigt das grosse Potenzial von Aarau – heute, morgen und übermorgen. Und genau in diesem Bewusstsein wollen wir heute den Maienzug feiern.»

Der Sportvergleich mit Hand und Fuss ist treffend. Aarau ist nicht abgestiegen, aber auch nicht aufgestiegen. Das gilt auch für die Aarauer Politik. Die nahe Vergangenheit und die Gegenwart sind für Aarau politisch nicht sehr gut gelaufen, man tröstet sich daher mit dem Ausblick auf eine allfällige Fusion mit Unterentfelden und das in vier Jahren geplante Kulturhauptstadtjahr.

Mir scheint jedoch die Selbstkritik in der Festrede des Stadtpräsidenten etwas zu kurz gekommen zu sein. Was hat die Stadt, die Stadtregierung selber schlecht gemacht im letzten halben Jahr? Wieso ging so einiges schief? Waren es «nur» die anderen, die Schuld für das Misslingen tragen? Diese Sichtweise scheint mir doch zu einfach zu sein. Wenn man es so sehen will, kann sich die Stadt, die Stadtregierung nicht verbessern. Und mit einem solchen Geist geht dann auch die Fusion mit Unterentfelden im September bachab. Und das Kulturhauptstadtjahr wird nicht gelingen.

Doch der Maienzug war schön. Und der Vorabend gelang so weit auch. Nur die wachsenden Abfallberge stören in verschiedener Weise schon die Idylle. Diese Idylle wird auch stark gestört, wenn Polizei und Sicherheitsmassnahmen (Einbahnwege, Videoüberwachung) am Vorabend so dominant und präsent werden, dass sich die Festfreude dem unterordnen muss.



Und dies nicht nur vor dem Rathaus. So konnte auf dem romantischen Kirchplatz beispielsweise gar nichts getrunken werden, weil die dazugehörige Bar mit einer (Einbahn-)Abschrankung vom Platz getrennt wurde, so dass der Zugang zu ihr vom Platz aus versperrt war. Das macht keinen Sinn.

Wie die Welt ist auch das Fest keine Idylle. Da macht Aarau keine Ausnahme.