Gastkommentar

Ein gutes, neues Jahr!

Jedes Jahr, schon seit einem Vierteljahrhundert, feiert die Stadt Aarau den Jahresbeginn am 1. Januar in Anlässen in den Quartieren und im KuK.

Von Stephan Müller

Bild: @stadt_aarau

 

 

 

 

Es ist eine schöne Tradition geworden: Am Nachmittag an Anlässen in den Quartieren in der Stadt, am Abend im KuK mit Musik, Tanz und der Ansprache des Stadpräsidenten (oder der Stadtpräsidentin), feiert Aarau seit 25 Jahren jeweils den Beginn des neuen Jahres.


Auch dieses Jahr war dies wieder am 1. Januar der Fall. Angelica Cavegn Leitner, die abtretende Stadträtin und Präsidentin der Neujahrskommission, zeigte in einem schönen Rückblick auf, wie die Feier um die Jahrtausendwende entstand, und wie daraus eine Tradition wurde. Der neue Stadtrat und neue Präsident der Neujahrskommission, Daniel Fondado, zeigte sich in seiner Ansprache gewillt, diese Tradition für die nächsten Jahre im besten Sinne weiterzuführen. Der amtierende Stadtpräsident wies danach in seiner Ansprache gekonnt auf die Herausforderungen des letzten wie des nächsten Jahres hin.


Daneben gibt es am «formellen» Anlass immer Gelegenheit, auch informelle Gespräche zu führen. Interessant war, dass durchaus immer wieder auch die neue Stadtratskonstellation diskutiert wurde, welche ab Neujahr parteipolitisch aus drei FDP, drei SP und einer Grünen besteht, wogegen im letzten Jahr der Stadtrat noch aus zwei FDP, zwei SP, einem Grünen, einer von Pro Aarau und einem von der Mitte bestand. Je nach politischem Standpunkt fand man das gut oder schlecht und bedauerte oder begrüsste die neue Zusammensetzung. Vielfach wurde vermerkt, dass das alte und neue Stadtpräsidium nun die wichtige Aufgabe hätte, das neue Team zu einem konstruktivem Team zu vereinen. Ja, die FDP und die SP hatten sich mit ihren je drei Kandidaturen im letzten Wahlherbst in Aarau durchgesetzt. Einige fanden am Neujahrsanlass, das sei unerhört, das hätte es noch nie gegeben, dass diese zwei Parteien je drei Kandidaturen für den Stadtrat nominiert hätten.


Ist dem so? Natürlich nicht. Vor zwanzig Jahren, im Jahr 2005, nominierten sowohl die FDP wie die SP drei Kandidaturen für den Stadtrat. Die FDP neben den bisherigen Marcel Guignard und Ruedi Zinniker neu Lukas Pfisterer. Die SP neben den bisherigen Jolanda Urech und Beat Blattner neu den ehemaligen Einwohnerratspräsidenten Cyril Nietlispach. Natürlich kandidierten damals auch die Mitte-Parteien mit den bisherigen Michael Ganz (Pro Aarau) und Carlo Mettauer (CVP). Auch die Grünen traten neu mit der Grossrätin Regula Fiechter an. Und die SVP kämpfte ebenfalls um den einen freiwerdenden Sitz, denn sechs von sieben Bisherigen traten 2005 wieder an (nur Ruedi Vogt von der FDP trat zurück). Es wurde im Endergebnis dann ganz knapp: Die FDP verteidigte äusserst knapp ihren dritten Sitz mit Lukas Pfisterer, nur ganz wenige Stimmen dahinter folgten die grüne Regula Fiechter und Cyril Nietlispach von der SP. Es war fast ein Zufallsresultat. Es hätte also damals durchaus auch die erste Grüne gewählt werden können oder erstmalig ein dritter SP-ler. Die Mitte-Parteien verteidigten in der damaligen Situation mit je drei Kandidaturen von SP und FDP ihre beiden bisherigen Sitzen souverän.


Vier Jahre später, 2009, fusionierte die Stadt Aarau mit der Gemeinde Rohr. Von den Aarauer Stadträt:innen trat nur Ruedi Zinniker (FDP) zurück. Für Rohr kandidierte neu Frau Gemeideammann Regina Jäggi (SVP) für den Stadtrat, quasi als «bisherige» Amtsträgerin. Die sieben «Bisherigen» aus Rohr und Aarau gewannen die Wahl klar, womit die FDP ihren dritten «historischen» Sitz an die SVP verlor. Erfolgloser, nicht gewählter Stadtratskandidat für die FDP war bei diesen Wahlen damals im übrigen ein gewisser Hanspeter Hilfiker, der heutige Stadtpräsident von Aarau.


So kam es, dass ab 2009 keine Partei in Aarau mehr drei Sitze im Stadtrat eroberte, es wurden bis 2025 auch keine dritten Kandidaturen von FDP oder SP mehr aufgestellt. Offensichtlich war SP und FDP nun aber 2025 das Wahlglück hold, im ersten 2.Wahlgang seit einem Vierteljahrhundert eroberten beide je einen dritten Sitz, auf Kosten der Mitte-Parteien.


Demokratie besteht auch aus Mehrheits- und Minderheitsverhältnissen. Auch bezüglich diesem Umstand lohnt sich ein Blick zurück. Bis 2001 gab es immer eine bürgerliche Mehrheit (FDP, SVP, CVP) von mindestens 5 von 7 Sitzen im Stadtrat in Aarau. 2001 eroberte Pro Aarau einen Sitz von der SVP, womit ab dann die Bürgerlichen nur noch 4 von 7 Sitzen besassen, wobei der ebenfalls 2001 neu gewählte Carlo Mettauer vom christlich-sozialen Flügel der CVP je nach Sachfrage durchaus auch im Sinne von Mitte-Links votieren konnte. So bestand bis 2013 eigentlich eine weitgehend ausgeglichene Situation im Stadtrat unter Stadtpräsident Marcel Guignard.


Im Jahr 2013 ergaben die Wahlen auf gewisse Weise eine paradoxe Situation: Jolanda Urech gewann für die SP erstmalig das Stadtpräsidium, Angelica Cavegn Leitner für Pro Aarau gleichzeitig das Vizepräsidium, aber durch die Wahl des bürgerlichen CVP-lers Werner Schib (für den zurücktretenden Carlo Mettauer) ergab sich im Gegensatz dazu neu wieder eine klare bürgerliche Mehrheit im Stadtrat (2 FDP, 1 SVP, 1 CVP).


Vier Jahre später passierte – welcher Humor! – dann spiegelbildlich das genaue Gegenteil davon: Hilfiker und Schib gewannen zwar für die Bürgerlichen das freiwerdende Präsidium und Vizepräsidium, im Stadtrat selbst gab es hingegen neu eine Mitte-Links-Mehrheit (2 SP, 1 Pro Aarau, 1 Grüne), weil Hanspeter Thür von den Grünen den Sitz der zurücktretenden SVP-Stadträtin Jäggi eroberte.


Diese Konstellation blieb acht Jahre bestehen, bis zum 1. Januar 2026. Ab diesem Jahr ist die Konstellation von Präsidium/Vizepräsidium und gegenteiliger Stadtratsmehrheit bestätigt, ja sogar deutlich verschärft worden: Präsidium und Vizepräsidium gehören erstmalig seit Jahrzehnten einer einzelnen Partei an, der bürgerlichen FDP; die Stadtratsmehrheit  hingegen ist erstmalig in der Geschichte von Aarau deklariert Linksgrün (3 SP, 1 Grüne). Es scheint, als ob die Wähler:innen von Aarau – in tiefem Ernst – bewusst Stadtratsmehrheit und Präsidium so gegenteilig wie möglich vergeben möchten. Das gab am 1. Januar im KuK natürlich zu reden. Aber wie oben im Blick auf die Wahlen 2005 gezeigt, ist auch nicht alles neu, was vielen neu erscheint. Und die Wähler:innen in der Demokratie haben immer recht. Das sagt man zumindest.


Von hier aus wünschen wir allen und der Stadt Aarau ein gutes, neues Jahr!