Menschen

«Mitten ins Zentrum, weil Sichtbarkeit Stärke bedeutet»

Noa Theo Oehninger ist 24 Jahre alt, wuchs in Aarau auf und studiert heute Soziale Arbeit. Als Co-Präsident von «Pride Aargau» setzt er sich für das ein, was ihn selbst stark gemacht hat: den Mut, sich nicht zu verstecken.

Von Olga Kuck
Bilder: Roman Gaigg

Dass Noa Theo nach einem Auslandjahr nach Aarau zurückkehrte und mitten in die Altstadt zog, war ein klares Statement. Denn: Wer mittendrin ist, kann nicht so einfach beiseitegeschoben werden. Der Weg an diesen Punkt war holprig: Noa Theo fühlte sich als Jugendlicher oft fremd, es fehlte an sicheren Räumen, an Vorbildern und einer Stimme, die ihm gesagt hätte, dass es das Leben gut meint. 


Zurück an seinem Heimatort beschloss der junge Aarauer, dass er sich als Transperson weder weiter verstellen noch verstecken wollte. Natürlich wäre es naheliegend gewesen, nach Zürich zu ziehen, in die Grossstadt mit ihrer queeren Szene, den vorhandenen Strukturen und vielen Gleichgesinnten. «Nach meinem Auslandjahr hätte ich gehen können. Aber ich wollte sehen, was hier möglich ist. Heute habe ich in Aarau einen fantastischen Freundeskreis, der mir guttut und tolle Menschen, die neu in mein Leben gekommen sind.»


Unterwegs zur Selbstbestimmung


Im Jahr 2021 begann Noa Theo mit der Hormontherapie, kurz darauf folgte die amtliche Namensänderung am Zivilstandesamt Aarau. Was klingt wie ein trockener Verwaltungsakt, trug viel Symbolik. «Ich war der erste Mensch in Aarau, der eine Namensänderung beantragte», erzählt der Aarauer. Sogar die Presse berichtete darüber. Ende 2022 folgte der nächste Meilenstein: die Mastektomie. «Die Veränderung wurde körperlich sichtbar, aber sie ist auch sozial passiert. Mein Umfeld hat mich auf dieser Reise immer begleitet», so Noa Theo. Die Vielfalt an Begegnungen gehört zum Kernstück seiner Geschichte: das gemeinsame Mitgehen, Mittragen, Mitwachsen – dafür ist er sehr dankbar. 


Startschuss für die Aargauer Pride


Letztes Jahr fand in Aarau die erste «Pride Aargau» statt. Noa Theo wurde ins Präsidium gewählt und organisierte den Event an vorderster Front mit. «Als wir es wirklich geschafft hatten, die Pride in Aarau auf die Beine zu stellen, war das der Moment, an dem mein inneres Kind geheilt wurde», berichtet er. Sein Engagement ist die Konsequenz aus den eigenen Erfahrungen. Was ihm früher gefehlt hat, will er jetzt anderen ermöglichen: Vorbilder, Sicherheit, Bestätigung und Räume, in denen Menschen sie selbst sein können. Die Frage, ob er gerne berühmt wäre, verneint er ohne zu zögern. «Aber wenn, dann für etwas Gutes. Für etwas, das wir gemeinsam erschaffen haben.» 


Aarau: Heimat oder Herausforderung?


Abseits des Aktivismus liebt Noa Theo die einfachen Dinge: Crêpes zubereiten am offenen Fenster, ein Aareschwumm, Glace vor dem Brunnen an der Golattenmattgasse. Und wenn es regnet, dann bastelt er mit seiner Freundin Fotoalben – «richtig kitschig», sagt er und lächelt nachdenklich. Vielleicht wird Aarau für Noa Theo immer beides bleiben: Herausforderung und Heimat. Aber vor allem ein Ort, an dem er gelernt hat, sichtbar zu sein – für sich selbst und für andere. Als er nach seiner Namensänderung vom Zivilstandesamt in die Tuchlaube spazierte, wurde er von Passantinnen und Passanten angesprochen, die den Zeitungsbericht über ihn gelesen hatten und ihm gratulierten. «Das war ein unbeschreibliches Gefühl», erinnert sich der Transmann heute. Für ihn die Bestätigung: das Leben meint es gut. 


Die nächste «Pride Aargau» findet am 6. September 2025 statt. Mehr dazu unter: www.prideaargau.ch