Der Zufall will es, dass meine Kolumne gleich vor dem 12. April fällt. An diesem Tag vor 228 Jahren wurde in Aarau die Revolution ausgerufen, die neue Helvetische Republik installiert, es tagte zum ersten Mal ein schweizweites Parlament, im Aarauer Rathaus. Erstaunlich, welche Bedeutung Aarau in jener Zeit für die Entwicklung der Schweiz hatte, für die demokratische Entwicklung zum heutigen Bundesstaat. Aarau wurde gar für ein halbes Jahr zur Hauptstadt der Schweiz erkoren.
Alles alter Zauber? Seit ein paar Jahren, auf Grund einer Bürgermotion, welche der Einwohnerrat 2019 guthiess, wird der 12. April alljährlich mit einem Fest vor dem Rathaus begangen. Mit «Reden zur Republik» und mit Musik. In der Rathausgasse werden schon ein paar Tage zuvor die Trikoloren in den grün-rot-gelben Farben aufgehängt. Dies waren die Farben der helvetischen Revolutions- und Republiksflagge.
Die neuen Staatssymbole waren der neuen Republik sehr wichtig. Das sieht man schon im zeitlichen Ablauf. Die Republik wurde am 12. April ausgerufen, schon am 13. April wurde im Parlament über die neue Flagge diskutiert, am 14. April hatte das Zweikammerparlament den fertigen Beschluss gefasst: Die neue Flagge der Schweiz ist eine Trikolore mit drei gleichmässigen Längsstreifen, oben grün, in der Mitte rot, unten strohgelb bzw. goldig. Aus den Ratsprotokollen ist ersichtlich, dass die Farbe grün mit der Begründung beantragt wurde, dass aus «Gefälligkeit» gegenüber dem neuen revolutionären «Canton Leman» (heutige Waadt) die eine Farbe grün sein solle. Dieser Antrag wurde angenommen. Wie das Parlament auf die Farben rot und gelb kam, ist nicht belegt, es gibt dazu verschiedene Mutmassungen, die jedoch nicht nachgewiesen werden können. Rot, weil diese Farbe seit jeher für Revolutionen stand, oder weil die Flagge des Urkantons Schwyz rot war? Gelb bzw. goldig, weil man auf einen «reichen» Staat hoffte, oder weil die Flagge des Urkantons Uri gelb war?
Die Helvetische Republik führte das einheitliche Staatsbürgerrecht, die repräsentative Demokratie und die Menschenrechte in der Schweiz ein, sie wurden in der Verfassung vom 12. April garantiert. Es gab keine Untertanen mehr. Mit Tänzen um den Freiheitsbaum feierten in Aarau Männer und Frauen gemeinsam diese Revolution – obwohl Frauen von der politischen Teilhabe weitgehend ausgeschlossen blieben und viele dieser Rechte für sie noch nicht galten.
Für das OK des «Tag der Republik», dem ich angehöre, war darum von Anfang an klar: Für die Grussbotschaft des Aarauer Stadtrates wird jedes Jahr eine Stadträtin angefragt (und nicht ein Stadtrat), als kleiner Ausgleich. Die Stadt Aarau hat heute erfreulicherweise fünf Stadträtinnen, so viele wie noch nie.
Organisiert vom Verein «12. April» gibts dieses Jahr am «Tag der Republik» um 14 Uhr Führungen zur Geschichte der Republik von 1798 mit Claude Longchamp und Aarau Info mit unter anderem Stadtarchivar Raoul Richner. Um 16 Uhr spielen vor dem Rathaus «Salut les Copains» Chansons aus Frankreich. Eine kleine Referenz: Die Revolution kam ja damals auch aus Frankreich. Es gibt Essen (von Liz) und Trinken. Vom Balkon des Aarauer Rathauses gibts ab 16.30 Uhr Reden und Fanfaren der Aarauer Turmbläser. Zuerst begrüsst Stadträtin Gabriela Suter das Publikum, danach gibt der Psychoanalytiker Peter Schneider Denkanstösse und das Trio Shqipe Sylejmani, Duff und Elif Erisik spricht zum Thema «Wer gehört zur Republik? Und wer steht noch nicht auf ihrem Balkon?».
Ja, wer steht (noch) nicht auf dem Balkon? Eine interessante und wichtige Frage! Demokratie und Republik müssten eigentlich dafür sorgen, dass alle auf dem Balkon der Republik stehen und sprechen können, und dass alle gehört werden. Frauen, Ausländer:innen, Beeinträchtigte, die Jugend? Gehören alle ans Mikrophon! Und die Frage, wer das Stimmrecht haben soll, war schon 1798 eine wichtige Diskussion: Sie bleibt auch heute entscheidend. Wer gehört dazu, wer ist dabei, wer wird ausgeschlossen? Durch wen?
Am Tag der Republik soll darüber nachgedacht werden können. Aber auch gefeiert werden dürfen. Schön, in einer Stadt zu wohnen, in einer Stadt zu sein, die Hauptstadt des Landes war, nicht nur wegen der Verkehrslage, sondern vielmehr deswegen, weil ihre Bürger:innen revolutionär gesinnt waren!
Hoffen wir, dass auch Petrus mitspielt, und die Feier vor dem Rathaus am Sonntagnachmittag, am 12. April, fröhlich vonstatten gehen kann. Die grün-rot-gelben Flaggen in der Rathausgasse sind im Wind schon etwas verwickelt, die Eniwa wird sie am Sonntagmorgen nochmals richten: Auf den Tag der Republik!
Sonntag, 12. April 2026, 15.00 Uhr, beim Rathaus: Tag der Republik
Rahmenprogramm ab 14.00 Uhr mit Führungen: Aarau – Das Revoluzer:innen-Nest, Helvetiopolis und einem Workshop für Kinder und Jugendliche: Demokratie & Popcorn
Informationen und Programm: tagderrepublik.ch
Alles alter Zauber? Seit ein paar Jahren, auf Grund einer Bürgermotion, welche der Einwohnerrat 2019 guthiess, wird der 12. April alljährlich mit einem Fest vor dem Rathaus begangen. Mit «Reden zur Republik» und mit Musik. In der Rathausgasse werden schon ein paar Tage zuvor die Trikoloren in den grün-rot-gelben Farben aufgehängt. Dies waren die Farben der helvetischen Revolutions- und Republiksflagge.
Die neuen Staatssymbole waren der neuen Republik sehr wichtig. Das sieht man schon im zeitlichen Ablauf. Die Republik wurde am 12. April ausgerufen, schon am 13. April wurde im Parlament über die neue Flagge diskutiert, am 14. April hatte das Zweikammerparlament den fertigen Beschluss gefasst: Die neue Flagge der Schweiz ist eine Trikolore mit drei gleichmässigen Längsstreifen, oben grün, in der Mitte rot, unten strohgelb bzw. goldig. Aus den Ratsprotokollen ist ersichtlich, dass die Farbe grün mit der Begründung beantragt wurde, dass aus «Gefälligkeit» gegenüber dem neuen revolutionären «Canton Leman» (heutige Waadt) die eine Farbe grün sein solle. Dieser Antrag wurde angenommen. Wie das Parlament auf die Farben rot und gelb kam, ist nicht belegt, es gibt dazu verschiedene Mutmassungen, die jedoch nicht nachgewiesen werden können. Rot, weil diese Farbe seit jeher für Revolutionen stand, oder weil die Flagge des Urkantons Schwyz rot war? Gelb bzw. goldig, weil man auf einen «reichen» Staat hoffte, oder weil die Flagge des Urkantons Uri gelb war?
Die Helvetische Republik führte das einheitliche Staatsbürgerrecht, die repräsentative Demokratie und die Menschenrechte in der Schweiz ein, sie wurden in der Verfassung vom 12. April garantiert. Es gab keine Untertanen mehr. Mit Tänzen um den Freiheitsbaum feierten in Aarau Männer und Frauen gemeinsam diese Revolution – obwohl Frauen von der politischen Teilhabe weitgehend ausgeschlossen blieben und viele dieser Rechte für sie noch nicht galten.
Für das OK des «Tag der Republik», dem ich angehöre, war darum von Anfang an klar: Für die Grussbotschaft des Aarauer Stadtrates wird jedes Jahr eine Stadträtin angefragt (und nicht ein Stadtrat), als kleiner Ausgleich. Die Stadt Aarau hat heute erfreulicherweise fünf Stadträtinnen, so viele wie noch nie.
Organisiert vom Verein «12. April» gibts dieses Jahr am «Tag der Republik» um 14 Uhr Führungen zur Geschichte der Republik von 1798 mit Claude Longchamp und Aarau Info mit unter anderem Stadtarchivar Raoul Richner. Um 16 Uhr spielen vor dem Rathaus «Salut les Copains» Chansons aus Frankreich. Eine kleine Referenz: Die Revolution kam ja damals auch aus Frankreich. Es gibt Essen (von Liz) und Trinken. Vom Balkon des Aarauer Rathauses gibts ab 16.30 Uhr Reden und Fanfaren der Aarauer Turmbläser. Zuerst begrüsst Stadträtin Gabriela Suter das Publikum, danach gibt der Psychoanalytiker Peter Schneider Denkanstösse und das Trio Shqipe Sylejmani, Duff und Elif Erisik spricht zum Thema «Wer gehört zur Republik? Und wer steht noch nicht auf ihrem Balkon?».
Ja, wer steht (noch) nicht auf dem Balkon? Eine interessante und wichtige Frage! Demokratie und Republik müssten eigentlich dafür sorgen, dass alle auf dem Balkon der Republik stehen und sprechen können, und dass alle gehört werden. Frauen, Ausländer:innen, Beeinträchtigte, die Jugend? Gehören alle ans Mikrophon! Und die Frage, wer das Stimmrecht haben soll, war schon 1798 eine wichtige Diskussion: Sie bleibt auch heute entscheidend. Wer gehört dazu, wer ist dabei, wer wird ausgeschlossen? Durch wen?
Am Tag der Republik soll darüber nachgedacht werden können. Aber auch gefeiert werden dürfen. Schön, in einer Stadt zu wohnen, in einer Stadt zu sein, die Hauptstadt des Landes war, nicht nur wegen der Verkehrslage, sondern vielmehr deswegen, weil ihre Bürger:innen revolutionär gesinnt waren!
Hoffen wir, dass auch Petrus mitspielt, und die Feier vor dem Rathaus am Sonntagnachmittag, am 12. April, fröhlich vonstatten gehen kann. Die grün-rot-gelben Flaggen in der Rathausgasse sind im Wind schon etwas verwickelt, die Eniwa wird sie am Sonntagmorgen nochmals richten: Auf den Tag der Republik!
Sonntag, 12. April 2026, 15.00 Uhr, beim Rathaus: Tag der Republik
Rahmenprogramm ab 14.00 Uhr mit Führungen: Aarau – Das Revoluzer:innen-Nest, Helvetiopolis und einem Workshop für Kinder und Jugendliche: Demokratie & Popcorn
Informationen und Programm: tagderrepublik.ch
Über
Ausgewählte Aarauerinnen und Aarauer schreiben in der Rubrik «Gastkommentar» über ihre Sicht auf die Dinge und die Stadt.
Stephan Müller ist Szenograf und ehemaliger Einwohnerrat, sonst Stadtspaziergänger und Teilzeitmitarbeiter eines linken Wochenblattes.

Bild: Thomas Widmer


