Stadtkinder

Orange, violett, schwarz – die Zeit nach den Herbstferien und vor dem Advent

Halloween ist seit Längerem auch bei uns angekommen und es scheint zu bleiben. Das importierte Fest ist omnipräsent und bei vielen sehr beliebt. Als Eltern von zwei Kindern mussten wir uns mit Halloween auseinandersetzen, um unsere eigenen Antworten zu finden. In diesem Erfahrungsbericht erzähle ich, wie wir Eltern Halloween überlebt haben.

Von Sara Müller-Bresciani

Spätestens wenn sich das Laub der Bäume verfärbt und es am Boden raschelt, mache ich es mir zuhause mit Kerzen, Kaminfeuer und Tee gemütlich. Ich mag alle Jahreszeiten sehr. Doch sobald man im Herbst unterwegs ist, kommt man nicht mehr drum herum: Überall werden gruselige Gestalten und Gespenstiges angeboten. Ganz zu schweigen von den Bergen an Süssigkeiten, die es in allen möglichen Farben und Formen zu kaufen gibt. Selbst die Häuser im Quartier sind mit viel (Herz-)Blut und Sinn für Ekliges dekoriert. In Kitas, im Kindergarten und in der Schule wird Halloween plötzlich zum Thema, und keinem Nebensächlichem – für viele Kinder scheint es DAS Thema schlechthin zu sein. Sie betteln bei den Eltern, ob sie an Halloween durch die Quartiere ziehen dürfen und brüten schon lange im Voraus darüber, wie sie sich verkleiden wollen. Klar ist: Je furchteinflössender, desto besser. Die Kinder interessiert es kaum, woher der Brauch kommt und was «Süsses oder Saures» eigentlich bedeutet. Schliesslich wollen sie in erster Linie in der Nacht zusammen mit ihren Freunden andere erschrecken und unendlich viel Süsses sammeln – alles andere ist zweitrangig.

Vor ein paar Jahren liessen wir uns von unseren Kindern überreden und erlaubten ihnen widerwillig, durch die Quartiere zu ziehen und an Halloween teilzunehmen. Bedingung war, dass wir mit Abstand hinterherlaufen durften. Für diese «neue» Tradition konnte ich mich nie recht erwärmen, doch ich sagte mir: Weshalb nicht mal etwas Neues ausprobieren? Schliesslich habe ich schon immer gerne Kürbisse mit den Kindern geschnitzt. Sie waren stets leidenschaftlich bei der Sache und stolz auf ihre Werke. Was mir zudem immer wieder Eindruck macht, ist die Begeisterungsfähigkeit der Kinder und mancher Erwachsener für Halloween. Dies spiegelt sich in ihren Verkleidungen sowie in den aufwendig dekorierten Häusern wider. Also bastelten auch wir gemeinsam eine Verkleidung, bei der man sie nicht sofort erkennen würde und nicht makaber war. Sie rüsteten sich je mit einer Stofftasche aus, welche sie für die Beute brauchten, warfen sich das Laken über den Kopf und schon zogen sie los.



Auf dem Weg zuckten wir einige Male zusammen, denn viele Kreaturen sahen aus, als wären sie einem Horrorfilm entsprungen. Doch die Kinder liessen sich nichts anmerken und huschten als Gespenster selbstbewusst durch die dunklen Gassen. Unterwegs trafen sie ihre Freunde, die ebenfalls von ihren Eltern begleitet wurden. Gemeinsam setzten wir unseren abendlichen Spaziergang fort. Kurz darauf standen wir vor einem geschnitzten Kürbis, der hell leuchtete und uns anzeigte, dass wir in diesem Haus willkommen waren und klingeln durften. Am Gartentor blieben die Kinder wie angewurzelt stehen. Sie wirkten angewidert und gleichzeitig fasziniert. Mein Blick folgte ihrem und ich sah im Garten eine ausgehobene Stelle, aus der ein Skelett hervorlugte und von Zeit zu Zeit den Schädel bewegte, als wollte es aus dem Graben kommen. Die Kinder fassten sich ein Herz und gingen gemeinsam Richtung Tür. Dabei mussten sie unter einem riesengrossen, weissen Spinnennetz gehen und vor der Tür blieben sie wieder stehen. «Wäh, ihhh…» war alles, was wir hörten. Wir beobachteten, wie die Kinder vor der Tür standen und sich niemand durchringen konnte, zu klingeln. Es dauerte seine Zeit, doch schliesslich öffnete sich die Tür geräuschvoll und eine Frau mit blutverschmiertem Gesicht begrüsste die Kinder freundlich und streckte ihnen, noch bevor sie etwas sagen konnten, eine Schüssel mit Süssigkeiten hin. Schnell huschten die vielen, kleinen Hände in die Schüssel, wir hörten aus der Ferne «Danke, Merci» und schon kamen sie angerannt, um uns stolz ihre Beute zu zeigen. Sie erzählten uns, dass an der Tür ein gruseliges Auge hing, das blinzelte und sich deshalb niemand überwinden konnte, zu klingeln. Etwas angewidert und trotzdem breit grinsend machten sie sich rasch auf die Suche nach einem weiteren leuchtenden Kürbis, der sie zum nächsten Haus einlud. Viele Häuser waren unbeleuchtet und zeigten damit klar, dass sie keinen Besuch wünschten. Manche hatten sogar Schilder an die Tür gehängt, auf denen zu lesen war, dass sie keine Süssigkeiten verteilen würden und man bitte nicht klingeln sollte. Die Kinder liessen sich aber nicht unterkriegen, suchten weiter und fanden auch gleich eine weitere Gelegenheit, die nächste Mutprobe zu bestehen. Auch wir Eltern kamen auf unsere Kosten: Nebst dem abendlichen Spaziergang begegneten wir altbekannten Nachbarn, lernten neue kennen und bekamen oft auch etwas Süsses oder Tee angeboten. Auf einmal erhellten viele Stimmen die Dunkelheit. Die Stimmen wurden mit jedem unserer Schritte deutlicher und plötzlich standen wir vor einem langen Tisch, auf dem zwei sehr grosse Kandelaber mit brennenden Stabkerzen standen. Heitere Menschen sassen im Kerzenschein rund um die lange Tafel, sie assen gemeinsam gemütlich zu Abend, eingekuschelt in Decken. Ein wundervolles Bild, das unvergessen bleibt.

Obwohl ich von Anfang an hin- und hergerissen war, ob ich mit den Kindern Halloween «feiern» möchte, stellte ich nach diesem Spaziergang fest, dass man es, wie bei so manchen Dingen, verteufeln, blöd finden und verurteilen kann – oder man lässt sich darauf ein, übt sich in Toleranz und schaut, wo das hinführt. Vielleicht kann man einfach das Gute herausnehmen und das Beste daraus machen. Viele Bilder, die durch Halloween entstehen, gefallen mir nicht und ich erachte sie als bedenklich. Trotzdem haben wir uns entschieden, es nicht zu verbieten, sondern unsere Kinder dabei zu begleiten. Wir schafften in der Familie Rahmenbedingungen, die für uns gerade noch vertretbar waren: Wir wählten ein nicht-gruseliges und ein selbstgemachtes Kostüm für die Kinder und waren in der Dunkelheit mit dabei, konnten das Erlebte mit ihnen besprechen und einordnen.

An diesem Abend haben auch neue Begegnungen stattgefunden. Wir hatten Gelegenheit, uns mit den Nachbarn auszutauschen. Die Kinder waren draussen, hatten mit ihren Freund:innen eine unvergessliche Zeit, haben Niederlagen sportlich eingesteckt und niemandem Saures gegeben. Sie wollten über ihren Schatten springen und diverse Mutproben bestehen. Klar, das kann man auch anders erleben, aber sie wünschten sich Teil von Halloween zu sein. Es zu verbieten schien uns nicht der einzige Weg zu sein, weshalb wir uns einmal mehr für das Begleiten entschieden. Solange die herbstlichen Lichterfeste, Laternen- und Räbeliechtliumzüge weiterhin stattfinden, stört mich Halloween nicht. Denn Halloween ist seit einigen Jahren auch bei uns ein Thema, ob wir es gut finden oder nicht. Wenn wir den Kindern nicht erlaubt hätten, daran teilzunehmen, wäre es bestimmt zu etwas Grossem geworden. Meins ist Halloween nach wie vor nicht und ich bin froh, dass es heute in der Familie kein grosses Thema mehr ist, obwohl mir das Kürbisschnitzen mit den Kindern sicherlich fehlen wird. Aber es ist schön zu sehen, wie unsere Teenies sich heute mit einem Lächeln im Gesicht daran zurückerinnern.