Zeitreise

Das bürgerliche Frauenbild der Anna Rothpletz-von Meiss

Anna Rothpletz von Meiss, bürgerliche Frau par excellence, mit einer ambivalenten Sicht auf die Geschlechterrollen.

Von Manuel Näf und Simon Kalberer

Während der Aufklärung im 18. Jahrhundert wurden nicht nur Wissenschaften und Humanismus besprochen, sondern auch neue Familienbilder und Geschlechterrollen heiss debattiert. Die im 20. Jahrhundert stark polarisierten Rollenbilder zwischen Mann und Frau schienen um 1800 noch nicht geklärt gewesen zu sein. Anna Rothpletz, Schriftstellerin und Frau eines Aarauer Industriellen, propagierte in ihren Romanen ein neues Frauenbild, welches zwischen den Fronten stand.
Wer jetzt denkt, Anna Rothpletz sei in die Fussstapfen einer Olympe de Gouges oder einer Mary Wollstonecraft getreten –Frauen, welche radikal die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern gefordert hatten – liegt falsch. Ganz im Sinne der grossen Aufklärer wie Immanuel Kant oder Jean-Jacques Rousseau schilderte Anna Rothpletz in ihren Romanen die Ansicht, Frauen müssten ihre Rolle als Mutter, Hausfrau und Ehegattin wahrnehmen. Frauen, die in der Öffentlichkeit Raum einnehmen oder dieselben Bildungsmöglichkeiten wie die Männer erlangen wollten, beschrieb sie als naiv und gefährlich für die Gesellschaft. Als Tochter eines Zürcher Bürgergeschlechts und Witwe des einflussreichen und wohlhabenden Aarauer Industriellen Johann Jakob Rothpletz stellte Anna Rothpletz eine bürgerliche Frau par excellence dar. Sie genoss im Elternhaus mit Privatlehrer und Gouvernante eine standesgemässe Erziehung und hatte nie in ihrem Leben finanziellen Sorgen. Einzig ihre Karriere als Romanautorin schien so gar nicht in das Bild einer bescheidenen Hausfrau zu passen, welche den Männern den Rücken freihält, ihren Geist jedoch nur in Massen durch Intellekt anreichern sollte. Früh verwitwet zog Anna Rothpletz nämlich von Aarau zurück zu ihren Eltern nach Brugg, wo sie sich zwischen 1820 und 1840 mit dem Schreiben befasste. Im Podcast «Geschichten aus Aarau» diskutieren Manuel Näf und Simon Kalberer die ambivalente Rolle der Anna Rothpletz, welche den häuslichen Rückzug der Frauen verteidigte und ihnen durch ihre Schriften dennoch einen gewissen Spielraum zugestand. Sie war gut belesen, kannte die philosophischen und politischen Strömungen und Ereignisse ihrer Zeit und äusserte sich dazu. Eine Sache, welche zu ihrer Zeit schon fast ausschliesslich den Männern vorbehalten war. So stand ihr Werk am Scheidepunkt einer neuen Ära, in welchem Männern gegenüber Frauen immer stärker eine natürliche Überlegenheit im Körper und im Geist zugesprochen wurde. Eine Entwicklung, gegen welche sich Anna Rothpletz trotz ihres literarischen Erfolgs vergeblich wehrte.



Die Folge kann auch auf Apple Podcast abgespielt werden.