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«Wo der Wind die Namen trägt» von Anja Jonuleit

Eine Einladung zum Klassentreffen bringt die 85-jährige Inge Sundermann aus dem Konzept. Sie, die auf den Bühnen der Welt aufgetreten ist, will auf keinen Fall zurück in ihre Heimat in der Lüneburger Heide.

Von Rahel Leibacher

Auf zwei Zeitebenen erzählt Anja Jonuleit die Geschichte von Inges Kindheit 1946 in der Nähe des Konzentrationslagers Bergen-Belsen und ihrer erzwungenen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in der Gegenwart. Die 8-jährige Inge hält sich am liebsten in der Heide und im Wald auf, wo sie auch ihren späteren Violinlehrer, den geheimnisvollen «Geigenmann», kennenlernt. Die idyllischen Naturbeschreibungen stehen im starken Kontrast zu den grausamen Geschehnissen der Zeit sowie zum Verdrängen und Wegschauen der Bevölkerung. Eines Tages findet Inge die Leiche einer jungen Frau im Wald, wodurch sie in ihrer kindlichen Naivität in die Vertuschung der Verbrechen mithineingezogen wird.
Zur selben Zeit beginnt Helga von Borcke, eine ehemalige Redakteurin der eingestellten Celleschen Zeitung, eine Chronik des Landkreises Celle zu schreiben. Obwohl sie immer wieder anstösst, ihr gar gedroht wird, macht sie mit der Befragung der Zeitzeugen weiter. «Es war schon so: Die Welt war verrutscht. Nichts war mehr, wie es sein sollte. Als seien die Gesetze der Physik ausser Kraft…. Das Verlässliche kippte, das Gerechte fiel.» Durch Helgas Arbeit erhalten die Lesenden nach und nach eine Ahnung davon, was in dieser Gegend zu Kriegsende tatsächlich passiert ist. Jonuleits Roman basiert auf realen historischen Hintergründen und Figuren und trägt somit literarisch zur Aufarbeitung der Nachkriegszeit bei.

Das Buch kann in der Stadtbibliothek Aarau ausgeliehen werden.
Wo der Wind die Namen trägt / Anja Jonuleit, C. Bertelsmann Verlag, 2026.